Feliz Navidad

Bald breche ich also wieder auf und fliege in die Adventszeit nach Deutschland. Ich freue mich schon. Hier künden die überall angebrachten Weihnachtsdekorationen von Weihnachten und den bevorstehenden Urlaubstagen.

Jetzt erklärt sich mir auch der hiesige „Weihnachts-Dekorations-Stil“:

Anders als so – so bunt und so schrill – kann man hier gar nicht wahrgenommen werden! Es blüht ja alles ringsherum, also muss man kräftig dagegenhalten und das geht nur so – so heftig – für das Auge!

Wir sehen uns beim Glühwein!

Christine

 

Im deutschen Märchen…

Heute – es gibt sie auch hier diese Tage – ist ein regnerischer, etwas langweiliger, aber in seiner Behäbigkeit wohltuender Sonntag, der Inneres und Äußeres in einen geordneten Gleichklang bringt. Die lethargische Stimmung in den Nachbarhäusern schwappt auch zu mir durch die offene Terrassentür herüber. Die Väter geben ihren Kindern alltägliche Anweisungen, die sich bei diesem Temperament für meine Ohren eher anhören, als ob eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe verhindert werden müsste. Das sind offensichtlich Kommunikationsmuster, die nicht immer richtig in verschiedenen Kulturen interpretiert werden können. Derzeit sorgt das eher für ein amüsiertes Schmunzeln bei mir, aber im echten Leben könnte ein körperlich stärkerer Einsatz meinerseits durchaus mal wichtig werden, um gelingende Kommunikation zu erzielen… Ich behalte es im Hinterkopf. Mein Leben kreist noch immer um die Herstellung von Normalität. Ich frage mich, ob das hier bereits das normale Leben ist, denn zu meinem großen Trost berichten Kolumbianer von ähnlichen Erfahrungen. Nach stundenlangen Versuchen meine Miete pünktlich online (… dem Himmel sei Dank, dass ich Internet habe…) mit diesen neuen Systemen zu überweisen und mehreren Besuchen auf der Bank war ich „al fin y al cabo“ erfolgreich, hatte aber das Gefühl, die Woche war mit diesem Unterfangen ausgefüllt und alles war „más lento que un desfile de cojos“. Ich glaube auch inzwischen, dass die Kolumbianer über so etwas wie telepathische Fähigkeiten verfügen, dass sie meine „spanischen“ Ausführungen z. B. zu Bankgeschäften decodieren können. Ich lerne Geduld, Beharrlichkeit und etwas spanisch. Ich bin so froh, dass ich die Zeit habe und alles nur mich selbst betrifft.

Jetzt aber wieder etwas mehr Sensation: Mein Besuch im museo de castillo.

Hier hat Benedikta zur Nieden gewohnt. Sie war eine Deutsche, die einen kolumbianischen Industriellen geheiratet hat und hier in Medellín in dem 1930 erbauten Mini-Schloss im Stil der Loire-Schlösser mit ihrer Familie gewohnt hat. Es ist mit vielen Dingen ausgestattet, die in meinen Augen typisch deutsch sind, wie z.B. gestickte Tischdecken, Meißner Porzellan, Kinderkleider mit Smok-Stickerei und Sammellöffel aller Art. Alle Museumsbesucher haben andächtig die Sammelstücke, Originale und billige Repliken, europäischer Gefilde bestaunt während ich fast beim Anblick der Silberlöffelchen-Sammlung laut losgelacht hätte! Das ist eben typisch deutsch! Es hat sich aber sofort ein Gefühl von Heimat und geborgener Kindheit in mir ausgebreitet. Leider ist die einzige Tochter der Familie sehr früh erkrankt und gestorben. Nur wenige Monate später ist Benediktas Mann als einer der ersten Entführungsopfer in Medellín ermordet aufgefunden worden. Benedikta zur Nieden hat nach dem Tod ihres Mannes die Deutsche Schule Medellín gegründet, womit sich der Kreis wieder schließt. Sie selbst verstarb nach vielen Jahren in ihrer deutschen Heimat. Eine bewegende Geschichte und das Haus hat mir so viele Details aus ihrem Alltag erzählt. Man konnte den Dingen in dem kleinen Schloss ganz viel liebevolle Zuwendung untereinander, zur europäischen und südamerikanischen Kultur und dem Leben an sich abspüren.

In den märchenhaften Gartenanlagen dürfen die Besucher picknicken. Das ist also der neue Platz in meiner Sammlung der „Lieblingsplätze für ein Frühstück“, welches sehr wichtige Orte für mich sind, weil ich so unglaublich gerne ausgiebig frühstücke!

… Y colorín colorado, este cuento se ha acabado!

Hasta pronto!

Guatapé

Nach einem Bett ist also das Internet zur zweit wichtigsten Sache geworden, um überlebensfähig zu sein. Ohne Internet, Drucker und Scanner ist auch der private Alltag nur mit viel Phantasie, Glück und Improvisationskunst zu bewältigen. Aber ab heute bin ich wieder online… und die Zeit des Wartens ist vorbei!

Die Wochenenden haben mir einige Zeit zum Reisen eröffnet. Seitdem weiß ich, wie meine spätere Haustür aussehen könnte. Hier folgen die ersten Design-Anregungen:

Diesmal ging die Reise in den knapp zwei Busstunden von Medellín entfernt liegenden Ort Guatapé, der für seine vielen typischen Hausbemalungen bekannt ist. Gute Laune, wohin man sieht.

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Was in Deutschland aber als zu aufdringlich für Auge und Ohr empfunden würde, ist hier gerade passend: Auch die Musik muss unbedingt in maximaler Lautstärke auf der Plaza und im Bus ertönen. Das ist eher als Zeichen der Freundlichkeit des Busfahrers zu verstehen, der für gute Stimmung auf der Busfahrt sorgen will!

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Weiter außerhalb unweit von Guatapé liegen weit verzweigte Lagunen, die – nachdem man sich 740 Stufen einen steil aufragenden Felsen hoch gekämpft hat – auch von oben zu betrachten sind.

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Und zum Schluss kommt noch die eigene Einschätzung der Kolumbianer bezüglich der Aussicht! Es sei jedem gegönnt. Mir meine eigene von der Zugspitze an einem sonnigen Tag auch!

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Im El Dorado am Tag der Deutschen Einheit

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Nein, es war kein grimmiger, sondern ein goldener Tag im museo del oro in Bogotá!

Am Tag der Deutschen Einheit ist schulfrei – zumindest am Colegio Alemán in Medellín und morgen beginnt für mich eine Fortbildung an der Deutschen Schule in Bogotá. So konnte ich den heutigen Tag für ein erstes Rendezvous mit der Millionenmetropole nutzen.

Wie man sicher nach Bogotá kommt? Das geht so: Morgens wird man ab der Haustür vom Fahrer abgeholt und zum Flughafen nach Medellín in die Abflughalle gebracht. Nach dem Flug steht der Fahrdienst des Hotels in Bogotá abfahrbereit direkt am Ausgang und bringt einen bis in die Lobby! Nur keinen Koffer anfassen! Ich fühle mich wie ein in Watte gepacktes rohes Ei, das vorsichtig und lückenlos weitergereicht wird! Ich bin heute spontan zu der festen Überzeugung gekommen, dass sich die deutschen Schulämter an dieser „best practice“ orientieren sollten!

Sicher kommt man mit einem bestellten Taxi zum Museum – nicht mit einem, das man sich auf der Straße ruft. In Bogotá gibt es neben der Taxinummer, die aus Sicherheitsgründen immer mit angegeben wird, noch einen verabredeten Sicherheitscode mit dem Fahrer, aber dann ist man im El Dorado!

Und das ist auch schon das Kernstück der Ausstellung: Das Floss, auf dem der mit Goldstaub gänzlich einhüllte neue Herrscher, der Vergoldetet – der El Dorado, stand, um seine Goldopfer zu erbringen. Das Gold steht für die Lebensenergie spendende väterliche Sonne. Das Wasser des Sees steht für das Weibliche der Mutter Erde, dem die Gaben als Opfer gebracht werden, um einen Pakt mit der Natur und für die Erneuerung des Lebens zu schließen…  (… das ist heute in moderner Form etwas anders, aber es gibt Elemente, die durchaus wieder zu erkennen sind). Jedenfalls steigt am Ende des Rituals sogar der neue Herrscher ganz höchstpersönlich ins Wasser und spült damit den Goldstaub ab… die spanischen Eroberer waren hin und weg! So nahm das Schicksal seinen goldgierige Lauf.

Ich bin immer wieder erstaunt und zugleich erschüttert darüber, wie wenig ich über meine eigene Kultur und die der anderen Erdteile weiß: Historische Entwicklungen in Asien, Europa, Afrika und Amerika, die so unterschiedlich sind und sich doch kreuzten durch Einwanderung bzw. Eroberung, Riten und Weltvorstellungen, die Veränderung unserer Welt durch die Bearbeitung von Metallen z. B. für Waffen, Hochhausbau, Flugzeuge, Kabel oder eben auch rituelle Gefäße, in denen Coca für die Schamanen aufbewahrt wurden, Techniken mit denen die verschiedensten filigranen Ohrringe hergestellt wurden, Sintern mit Platin, da der Schmelzpunkt von Platin ansonsten zu hoch ist, verschiedenste Legierungen, gezielte Oxidationen von Legierungen, Säurebehandlungen mit Pflanzenextrakten, Herstellung von Gießformen und natürlich die Einordnung dieser Herstellungsergebnisse in die soziale Ordnung einer Gesellschaft zum Manifestieren von Machtansprüchen…

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So schließe ich für heute mit dem wunderbaren Dreiecksdiagramm für ternäre Systeme … ach, das Leben als Naturwissenschaftlerin ist doch so schön (einfach)!

P.S.: Mein Internet-Anschluss im neuen Haus wird noch auf sich warten lassen. Das bedeutet, dass bis zum nächsten Beitrag wieder etwas Geduld nötig ist!

Einzug

Ich habe die Schlüssel. Morgen ziehe ich ein, nach einer längeren Odyssee heute durch die Stadt zwischen Notariat und Immobilienagentur und auch einer Odyssee durch die südamerikanische Mentalität, um den Papierkrieg zu bewältigen. Wenn man glaubt, nur die Deutschen seien genau, dann täuscht man sich gewaltig. Hier hat auch alles seine eigene, mich zuweilen eigentümliche anmutende Ordnung – zumindest bei den Dokumenten. Aber morgen geht es in mein neues Zuhause…

Toledo

… mit einem Koffer, einer Geige, einem Trolley und einigen Einkäufe zum Überleben. Das Bett wird am Nachmittag geliefert – hoffentlich!

Dann bin ich erstmal offline!

58 dB, 45 dB, 4/4, 6/4, 110 LSF, 1500 m ü. NHN, 2500 m ü. NHN

Heute fehlen mir die Worte. Die Zahlen müssen helfen.

Die Nacht war kurz: 58 Dezibel mit offenem Fenster wegen Fiesta im Hof und 45 Dezibel mit geschlossenem Fenster, was bei einer logarithmischen Skala schon eine Menge ausmacht, aber eben nicht genug, um schön ruhig zu träumen. Wenn man also die Wahl hat, ob man im Bett liegend innerlich Strickliste für die Wörter „corazón“, „esperanza“, „amiga“ und „quieres una muchacha“ in dem im eintönigen 4/4-Takt heraufwabernden Schalala führen möchte oder dem die Klänge eines schwebenden 6/4-Takt von Mendelssohn per Kopfhörer entgegensetzt, war meine Wahl als durch und durch europäisch Sozialisierte eindeutig für die zweite Variante ausgefallen… Bin trotzdem müde.

Mein Sonntagsausflug ging diesmal in den Parque Arví, einem nahegelegenen Naturschutzgebiet mit was…? Natürlich! Jeder Menge Orchideen, Bromelien und diesmal auch Anturien. Der Farn und die schwarzäugige Susanne sei mir in dieser Galerie verziehen. Ach, ja! Vögel kann man da auch beobachten und wandern!

Dorthin gelangt man mit der wunderbaren Metro und der Metrocable von Medellín. Von der Hauptlinie A der Metro, die die Stadt im auf ca. 1500 m Höhe gelegenen Aburra-Tal in nordsüdlicher Richtung durchzieht, gehen an zwei Knotenpunkten Seilbahnen die steilen Hänge hinauf. Irgendwie habe ich heute ständig meine Ski vermisst. Die Gondeln wurden – meines Wissens – aus Österreich gebraucht importiert und leisten hier zur Überwindung von 1000 Höhenmetern bis zum Parque Arví mit mehreren Zwischenstationen in den Wohngebieten ganze Arbeit! Oben angekommen war Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 60 für mich dran. Es gibt hier Sonnencreme bis 110 LSF! Der eigene Schatten ist sehr kurz. Das evangelische Gesangbuch der EKHN lerne ich immer mehr zu schätzen – hier in der Höhe hatte ich endlich mal frische Luft und meine Ruhe!

An dieser Stelle müssen die Bilder für sich sprechen. Sie geben einen Eindruck vom Weg bis zum Park und wieder zurück bis in die Stadt. Ich habe daran noch zu knabbern…

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„Demos el primer paso“ y „mis primeros pasos“ en Medellín

Es war das Wochenende der ersten Schritte:

Der Papst hat mir ein verlängertes, ruhiges Wochenende beschert und durch seinen Besuch, der unter dem Motto „Demos el primer paso“ stand, genau hier in dieser zerklüfteten Stadt die so bitter nötige Aussöhnung befördert.

Auch für mich standen erste Schritte – allerdings die in die Selbstständigkeit – auf dem Programm. Der Sonntag lud zum Kirchgang ein – zumindest habe ich es ernsthaft versucht! Eine konkrete Uhrzeit für den Gottesdienstbeginn in der zentralen Catedral Metropolitana war nicht auszumachen, denn das ist wahrscheinlich allen wirklich so sonnenklar, dass man es nirgends hinterlegen muss.

Die Metro von Medellín ist die gepflegteste Metro, die ich kenne. Ich hatte den Eindruck, dass man mindestens frisch geduscht und einparfümiert sein muss, um damit fahren zu dürfen. Die Herren lassen selbstverständlich die Damen sitzen. Es wird weder gegessen noch getrunken, und es gibt sogar spezielle Buchauflagen der Weltliteratur (z.B. von Oscar Wilde), die zur erbaulichen Lektüre in der Metro kostenlos verteilt werden. Diese Stadt hat die ungeordneten Verhältnisse leid und ist stolz auf ihre Metro!

Außerhalb der Metro sieht die Welt sofort wieder anders aus: Straßenzüge mit Ersatzteilen für Motorräder und Fahrräder oder diverse Fischgeschäfte, die sich aneinanderreihen – alles in einem wilden Durcheinander und sonntags geht das geschäftige Treiben ungemindert weiter. Mein Orientierungssinn ist vielfach überfordert. Ich biege, obwohl ich gedanklich den Straßenplan vor Augen habe, ständig falsch ab und lande in irgendwelchen seltsamen Straßenzügen. Ich komme an, das weiß ich, Schultern zurück, Ellenbogen raus, unsichtbar machen, alles im Blick haben, aber keinen Blickkontakt aufnehmen, entspannter Schlenderschritt, als ob ich hier immer schon hingehörte und schon gar nicht sichtbar das IPhone7 mit der Kartenfunktion rausholen. „Don´t give papaya“! Das heißt so viel wie: Zeige den Reichtum nicht!

Angekommen am Plaza Botero: Die üppigen Skulpturen von Botero sind ein Geschenk an seine Heimatstadt und stehen hier einfach so rum! Kunst für alle und so voll und voller drallem und prallem Leben, dass es mit Händen greifbar ist! Das ist ganz eindeutig an den helleren Stellen der voluminösen Hinterteile der freizügig dargestellten Frauen und anderen Musen abzulesen! Sie werden schon gerne angefasst! Immerhin schaut dieser Passant der liegenden Schönheit zuvor noch in die Augen.

Der Blick

Die lebendigen Modells

Botero hat angeblich nie eine dicke Frau gemalt oder in einer Skulptur dargestellt, sondern ihnen nur von innen her mehr Volumen verliehen. Allerdings stellen die realen Damen hier auch gerne ihren von innen mit Volumen gefüllten Busen oder Popo zur Schau.

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Unvermittelt daneben sind so viele abgemagerte Obdachlose zu sehen, wie ich es noch nie gesehen habe. Einer lag auf dem Rücken schlafend, ausgesteckt mitten auf dem Platz! Er hatte sich nicht mal ein ruhiges Eckchen gesucht. Einmal um die Ecke abgebogen sitzt eine hagere junge Frau mit trostlosem eingefallenem Blick auf dem Brunnenrand und kokst. Die Stadt der Gegensätze!

Die Empleada

Endlich – wieder nach etwas chaotischer Wegführung – bei der Catedral Metropolitana angekommen … und die Gottesdienstbesucher kommen mir entgegen.

Catedral Metropolitan

Eine Familie betet nach dem Gottesdienst noch gemeinsam bevor sie durch das Portal ins Freie tritt. Der Mann spricht zuerst einen Gebetsteil und die Frauen antworten mit ihrem Gebet. Es hat etwas sehr Intimes. Die Menschen kommen zum Gebet in die Kirche und beten mit nach oben geöffneten Händen. Jetzt ist auch Zeit für mich in diesem Kirchenraum. Von draußen dringt Tango-Musik sanft hinein.

Und dann ist sie wieder unausweichlich da: Die wischmoppende Empleada von Südamerika! Auch am Altar am Sonntag und stört die ganze Andacht! O tempora, o mores!

Wischmopp

Auf dem Rückweg komme ich an allerlei pflanzlichen Schönheiten am schmutzigen Straßenrand vorbei. Wann kann man Schönheit wahrnehmen?

 

 

Auf der Suche nach einem neuen Zuhause…

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Wo um alles in der Welt habe ich in dieser Unendlichkeit mein Zuhause? Im Hintergrund sind die flirrernden Lichter der Stadt zu sehen – eines Teils des Stadt – genauer gesagt nur dem südlich gelegenen Stadtteil „Sabaneta“. Geschätzt ist etwa ein Viertel oder ein Fünftel von Medellín damit im Bild zu sehen.

Auch der im Foto festgehaltene Blick aus dem 13. Stock meiner jetzigen Unterkunft kann mich nicht endgültig begeistern. Zu sehr dröhnen noch alle Straßengeräusche herauf, zu nahe ist der Nachbar im Hochhaus, kein „Draußen-sein“ bei dem wunderbaren Klima. (Anmerkung: Es gibt hier keine Mücken!).

Also war ich gestern mit Ruben, dem absolut vertrauenswürdigen Fahrer der Schule, der kein Wort deutsch oder englisch spricht, auf Kosten des Colegios mehrere Stunden durch die Stadt geschickt worden, wo es mir denn so behagen würde. Mit Ruben hat die Kommunikation perfekt funktioniert; er hat die ganze Zeit ununterbrochen gesprochen und alles geregelt. Weiß der Himmel, wie Verständigung manchmal möglich ist! Wahrscheinlich gehört dazu eine Menge Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Entiendes? Si? Cierto? – Entiendo! Si! Cierto! ..aber auf einer anderen als der sprachlichen Ebene.

Im schicken Stadtteil „El Poblado“ – wo der Großteil der Lehrerschaft wohnt? Nein! Die Attraktivität eines Wohngebietes richtet sich im Wesentlichen nach den Vergnügungsmöglichkeiten am zentralen Plaza eines Stadtteils und den vielen in den vergangenen 15 Jahren wie die Pilze aus dem Boden geschossenen an den Berghängen gelegenen, luxuriösen Hochhäusern, deren Statik aber deshalb nicht zwangsläufig gesichert ist! Eines ist in den vergangenen Jahren in sich zusammengestürzt.

In „Sabaneta“, wo es den „weltberühmten“ Käse gibt? Nein!

„Envigago“? Wo einst Pablo Escobar residierte? Nein!

In „La Estrella“! Der etwas unorganisierte Stadtteil ganz im Süden, letzte Metro-Station, in der Nähe der Schule, in einem bewachten Haus in einer sogenannten, etwas spießigen „unidad“ (Zitat von Naara in diesem Sommer: „Mama, Du wärst auch eine gute Spießerin geworden!“ – Jetzt ist es also soweit, meine Liebe!) mit einer wunderschönen Aussicht auf die grüne Bergkette, relativ hoch und ganz ruhig gelegen, kein Verkehrslärm – Terrasse in der oberen Etage, Patio, drei Schlafzimmer. Alles gut. Reserviert bis Dienstag. Nur der Schulleiter wohnt bislang in dieser bei den Deutschen wenig beliebten, aber sicheren Gegend – nur noch ein kleines Stück weiter bergauf. Wir sind also die zwei einzigen Seltsamen im Kollegium und werden mit dem Fahrrad zur Schule fahren!

Ggf. wird sich bis Dienstag noch eine Finca in den Bergen auftun. Ansonsten ist die Entscheidung zumindest auf meiner Seite gefallen …

Das Colegio Aleman

Was soll ich sagen? Es könnte in der Tat schlimmer sein! Die verschiedenen Pavillons und Gebäude der Schule liegen auf einem großem parkähnlichen Gelände verteilt. Meine weitläufigen Wege führen mich an den schönsten Gewächsen vorbei. Wie soll man sich da auf das Unterrichten konzentrieren können?

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Zwischendrin laufen einem gerne unvermittelt kleine Kindergartenknirpse voll unerschrockenem Enthusiasmus entgegen, Schüler einheitlich in schwarze Jogginghosen gekleidet sind auch ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Obwohl die Schüler nicht wirklich sehr leise sind, entspannt sich alles durch die Größe des Areals.

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Die Mensa befindet sich unter dem offenen Dach. Jeden Mittag kann man hier im Freien essen mit Blick auf das Schwimmbad, das zu bestimmten Zeiten auch von der Lehrerschaft benutzt werden darf.

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Nach langer Zeit habe ich heute wieder den Unterricht einer 9. Klasse hospitiert. So junge Schüler bin ich gar nicht mehr gewohnt. Die wenigen Mädchen der Klasse saßen versammelt in der letzten Reihe im Biologieraum – still, verhalten, aber fleißig – auch in Kolumbien.

In den kommenden Wochen werde ich das Privileg haben, viel zu hospitieren und das IB (Internationales Bachillerato) – Programm genau kennen zu lernen. Das Fach Biologie ist dabei einer der tragenden Säulen am Colegio. Die sprachlichen Hürden und Grenzen der Schüler waren heute überdeutlich zu spüren, welches wahrlich bei dem Thema „Proteinaufbau“ nicht wunder nimmt. Sprachsensibel wird bzw. ist man hier automatisch! Aber der Unterricht scheint mir doch eher auf die Erfüllung des straffen Lehrplans für das IB ausgerichtet zu sein als auf die Erarbeitung der zugrunde liegenden Prinzipien. Ich werde sehen!

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Erste Eindrücke

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So öffnen sich in Kolumbien manche Türen – andere haben sich hinter mir geschlossen.

Ein typischer Sonntagsausflug stand gestern auf dem Programm … nach Retiro, einem kleinen Städtchen unweit von Medellín auf dem Land. Kolumbianischer hätte es nicht sein können: bunt angestrichene Häuser, wunderschöne Innenhöfe und vor allem diese Farben und Farbkombinationen: Türkis mit dem Blau des hellen Himmels, Flieder mit Beige… gute Laune garantiert und für umgerechnet ca. 80 Cent Myrre ergattert.

Kirche in Retiro

Diesmal war ich mit anderen Biologen im Auto unterwegs. Das hatte den tröstlichen Effekt, dass ich nicht wie sonst die Einzige war, die weniger auf den Weg als auf die Umgebung geachtet hat und immer mal anhalten wollte, um Pflanzen genauer zu inspizieren. Und es gab wieder jede Menge genauer zu sehen: Bananenstauden, schwarzäugiger Susanne, Eukalyptus, Pinien, Bambus, Baumfarne (meine Lieblinge), Taglilien, Tillandsien… es ist die reine Wonne!

Zuvor hatte ich die Gelegenheit von einem zentral gelegenen Aussichtspunkten von Medellín einen Überblick über die Stadt zu bekommen. Diese Stadt hat einfach gigantische Ausmaße. Lediglich drei bis vier historische Gebäude waren auszumachen. Alles andere Geld wird in Betongold verwandelt.

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